Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
sie war, als ob sie
bluten könne, rot...
Friedrich
Hebbel
Es hat keinen Sinn mehr.
Das Eingeständnis fiel Daniel schwer. Bis zuletzt hatte er
gehofft, auf etwas zu stoßen, das seine verbissene Suche
gerechtfertigt hätte. Aber was wollte er hier, in der verfallenden
Unterstadt, zu dieser späten Stunde eigentlich finden?
Den ganzen Tag über war er unterwegs gewesen, teils mit dem Auto,
teils zu Fuß, immer auf der Suche nach einer Verbindung zwischen
der Stadt und seinen Erinnerungen. Was er entdeckt hatte, war kaum der
Rede wert: ein paar bekannt klingende Straßennamen, das
Schaufenster eines alten Geschäfts, ein schmiedeeisernes
Brückengeländer. Viele Dinge erschienen ihm auf seltsame
Weise vertraut, und doch hatte er bislang keine nachvollziehbare
Beziehung zu seiner eigenen Person herstellen können.
Nach Auskunft des Meldeamtes hatte es in der Stadt nie eine Familie
Rothenbach gegeben, aber war das überhaupt sein richtiger Name?
Die »Therapie« hatte seine Erinnerung an das Davor beinahe
vollständig ausgelöscht, und die Unterlagen zu seinem Fall
blieben unauffindbar. Dennoch war sich Daniel sicher, daß der
Schlüssel zu seiner Vergangenheit hier in Meerburg liegen
mußte, auch wenn es dafür kaum greifbare Anhaltspunkte gab...
Er war müde, und die ergebnislose Suche nach einem Stück
persönlicher Erinnerung deprimierte ihn. Es wurde rasch dunkel,
und er mußte sich beeilen, wenn er das heruntergekommene Hotel am
Frachthafen noch bei Tageslicht erreichen wollte, auf dessen Parkplatz
er sein Auto abgestellt hatte.
Auch das noch, dachte Daniel, als er die verwitterten Lettern über
den leeren Schaukästen eines ehemaligen Fotogeschäftes
wiedererkannte, das er erst vor ein paar Minuten passiert hatte:
»Foto-Jobst«.
War er tatsächlich im Kreis gelaufen?
Normalerweise konnte er sich auf seinen Orientierungssinn verlassen,
doch die Straßen sahen einander zum Verwechseln ähnlich, und
auf ihre Namen hatte er nicht geachtet. Erst jetzt bemerkte er,
daß sogar eine Art Straßenbeleuchtung existierte, nur
daß die von feuchten Nebelschwaden eingehüllten Laternen
nicht mehr als ein paar gelblich-trübe Lichtpfützen auf das
feuchte Kopfsteinpflaster warfen.
Überhaupt wirkten die von gedrungenen Reihenhäusern und
baufälligen Fabrikgebäuden gesäumten Straßen noch
enger und trostloser, als Daniel sie in Erinnerung hatte. Die wenigsten
Fenster waren beleuchtet, und auf den holprigen Bürgersteigen war
kein Mensch zu sehen.
Daniel glaubte sich zu erinnern, daß er beim letzten Mal nach
rechts abgebogen war, und so entschloß er sich, geradeaus
weiterzulaufen und der leicht abschüssigen Straße zu folgen,
an deren Ende er den Fluß vermutete.
Sein Weg führte vorbei an den von Unkraut überwucherten
Gewächshäusern der alten Stadtgärtnerei und maroden
Vorstadthäusern, die sich haltsuchend aneinanderklammerten und mit
staubblinden Fensteraugen ins Leere starrten. Irgendwo bellte ein Hund
heiser den wolkenverhangenen Abendhimmel an. Die Luft war feucht und
trug noch eine Spur des Qualms längst erkalteter Fabrikschlote mit
sich.
Hier draußen ist wirklich die Welt zu Ende, dachte Daniel
beklommen, doch plötzlich lichteten sich die Mauern und gaben den
Blick auf die Laternenkette der Uferstraße frei.
Nur noch wenige hundert Meter, und er hatte es geschafft. Automatisch
beschleunigte Daniel seinen Schritt und überquerte die Brücke
über die Aarnau.
Als er den dunklen, lautlos dahingleitenden Fluß hinter sich
gelassen hatte, registrierte er – zunächst nur unbewußt –,
daß sich etwas verändert hatte.
Noch immer säumten die gleichen altmodischen Laternen seinen Weg,
aber ihr Licht erschien ihm klarer und heller, als hätte jemand im
Elektrizitätswerk plötzlich einen Schalter umgelegt. Der
Nebel hatte sich gelichtet, und die tiefhängenden, regenschweren
Wolken waren verschwunden.
Und dann hörte er es.
Es war kein einzelnes Geräusch, sondern vielmehr ein wirres
Durcheinander von Lautsprecherstimmen, Rhythmen und Musikfetzen,
für das es nur eine Deutung geben konnte: Jahrmarkt!
Daniel hatte geglaubt, daß Volksfeste dieser Art längst der
Vergangenheit angehörten, aber die vertraute Geräuschkulisse
trommelte, heulte und stampfte seine Zweifel mühelos beiseite.
Beinahe automatisch beschleunigte er seinen Schritt und war nicht im
geringsten überrascht, als vor ihm der von einem Meer farbiger
Lämpchen beleuchtete Festplatz auftauchte.
Doch etwas war ungewöhnlich.
Niemand kam ihm entgegen.
Keine Kinder mit Zuckerwatte und Luftballons in den Händen.
Keine Betrunkenen, die sich mühsam am Geländer des
Flutrinnenkanals vorwärtshangelten.
Keine ergrimmten Väter, die ihre heulenden Sprößlinge
hinter sich her zerrten.
Und obwohl Daniel noch immer keine Einzelheiten erkennen konnte, begann
er zu ahnen, daß der lichtüberflutete Rummelplatz vor ihm
kein gewöhnlicher Jahrmarkt sein konnte. Noch merkwürdiger
war allerdings, daß der offenkundige Gegensatz zwischen der
geräuschvollen Kulisse und der gespenstischen Leere seine Neugier
und Vorfreude kaum minderte.
»Das ist mein Jahrmarkt!« rief eine vergnügte Stimme
in seinem Kopf.
Es war eine sehr junge Stimme, und sie war Teil jener seltsamen
Veränderung, die Daniel weder erklären konnte noch wollte.
Die letzten Schritte bis zu dem von Lichterketten gesäumten
Willkommensschild lief Daniel beinahe, und seine Finger tasteten
reflexartig in den Hosentaschen nach Kleingeld.
Er erkannte sie sofort wieder: die weißgestrichene Kahnschaukel
mit den beiden Überschlaggondeln, die Feuerwehr mit den
Messingglocken auf dem Kinderkarussell, den Autoscooter mit seinen
blitzesprühend durcheinanderwuselnden Wagen, das riesige
Kettenkarussell und die Walzerbahn, aus deren Lautsprecherboxen
natürlich »Satisfaction« dröhnte.
Da-dah-da-da-dah, da-dah-da-da-dah ...