Rainer Maria Rilke
gewidmet
Sie
gleiten dahin wie Schatten, ohne Morgen,
ohne Tag.
Ihr Schiff ist
schnell, so schnell, daß das Licht der Sterne zu flimmern
scheint. Aber
sie können die Geschwindigkeit nicht spüren.
Die Männer flüchten
sich in Rituale, die so unwirklich sind wie die Zeit auf ihren
Chronometern. Sie überprüfen die Maschinen und ihre Waffen,
studieren
die Logbücher und bereiten sich auf Ereignisse vor, die vielleicht
nie
eintreten werden. Sie nehmen ihre Mahlzeiten zu den vorgeschriebenen
Zeiten ein und versuchen zu schlafen, wenn die Lichter in den Kabinen
erloschen sind.
Sie warten, und je
länger dieses Warten andauert, desto unwahrscheinlicher erscheint
es
ihnen, daß es irgendwann ein Ende haben wird. Es gibt keine
Möglichkeit, die zurückgelegte Strecke mit den Sinnen zu
erfassen. Was,
wenn die Instrumente lügen, sie längst verloren sind in den
Tiefen des
unergründlichen dunklen Meeres?
Christoph mag nicht
darüber nachdenken. Er hat sich freiwillig gemeldet wie die
anderen
auch. Er möchte kämpfen, dem Feind die Stirn bieten. Deshalb
ist er
weggegangen von Zuhause. Das Warten zehrt an seinem Mut, und manchmal
sehnt er sich zurück. Er hätte nicht im Sommer weggehen
sollen, an
einem sonnendurchfluteten Tag voller leuchtender Farben. Vielleicht
wäre die Erinnerung an einen Abschied im Herbst weniger
schmerzhaft ...
Christoph möchte
reden, aber Maurice, sein Kabinengefährte, sieht so traurig und
abwesend aus, daß er es nicht wagt, ihn anzusprechen. Der kleine
französische Navigator ist von Tag zu Tag stiller geworden, wie
ein
Kind, das zu lange wach war und endlich schlafen möchte.
Nebenan singt jemand
zur Gitarre – Parker, der Richtschütze. Seine Stimme klingt rauh,
und
es dauert ein wenig, bis sich Gesang und Akkorde finden:
Oh
Sister, when I come to knock on your door
Don’t turn away, you create sorrow ...
Parker
singt dieses Lied immer, wenn er
traurig ist. Er singt es oft.
...
Time is an ocean, but it ends at the shore
You may not see me tomorrow.
Die
Wände sind dünn,
und Christoph kann sich vorstellen, daß die wehmütige
Melodie nicht nur
in ihrer Kabine zu hören ist. Doch niemand klopft gegen die
Wände und
ruft nach Ruhe. Vielleicht, weil sie alle jemanden zurückgelassen
haben. Deshalb ist es auch ihr Lied, ihr Abschied, als hätten sie
die
gleiche Schwester, Frau, Mutter. You may not see me tommorow ...
Das Lied verklingt, und das Schiff gleitet
weiter lautlos durch die Nacht.
Plötzlich richtet sich der kleine
Franzose auf und deutet auf den Bildschirm: "Sieh!"
Doch da ist nichts, nur Dunkelheit und das
Flackern ferner Sterne.
"Sieh!" sagt Maurice
noch einmal, und jetzt kann auch Christoph die schimmernde Gestalt
erkennen, die wie ein Traumgespinst draußen vorüberschwebt –
überirdisch in ihrem strahlenden Glanz und doch auf ergreifende
Weise
menschlich: die Heilige Madonna der Letzten Tage ...
"Was war das?" flüstert er mit bebenden
Lippen, als die Mariengestalt zu einem gelblichen Nebelfleck
geschrumpft ist.
"Eine Aufmerksamkeit des Ordens, was sonst",
lächelt der kleine Franzose, aber er ist blaß geworden.
Natürlich weiß auch
Christoph um die Natur des leuchtenden Objekts – die Ordensmänner
haben
Tausende davon ausgesetzt – und doch schlägt sein Puls wie rasend.
Mit brennenden Augen starrt er auf den
Bildschirm, bis auch der letzte Funke erloschen ist.
"Wie heißt sie?" fragt Maurice, und es
ist, als habe er in Christophs Herz gesehen.
"Magdalena.." Vier Silben nur und eine Flut
von Erinnerungen.
"Wird sie auf dich warten?"
"Nein", sagt Christoph und wendet sich ab,
"ich hoffe, nicht." You may not see me tommorow ...
"Ein schöner Name", sagt der kleine
Franzose. "Wie Marie-Claire. Sie ist blond wie du."
"Du bist trotzdem gegangen."
"Ja, aber nicht, um zu sterben."
Wie wer? denkt
Christoph, und plötzlich sind die Bilder wieder da: Magdas
Lächeln zum
Abschied, ihre schmale, fast zerbrechlich wirkende Gestalt am
Flughafen, als sie ihm zuwinkt und mit den Fingern das "V"-Zeichen
formt. Als ob Sieg möglich wäre ...
Zum Glück ist es duster im Raum, und der
andere kann die Feuchtigkeit nicht sehen, die sich in seine Augen
drängt.
Sie schweigen, bis Müdigkeit die Bilder
auslöscht.
–
Irgendwann hat das
Warten ein Ende. Die Männer spüren die Veränderung, noch
bevor die
Warnsignale aufleuchten. Als der Gegenschub einsetzt, sind sie bereit.
Der Bremsdruck lastet schwer auf ihnen. Jede Bewegung, jeder Atemzug
bereitet Mühe, doch es fällt kein böses Wort. Das Ziel
ist nah. Niemand
fragt, wie dieses Ziel aussieht und wie es ihnen dort ergehen wird.
Auch Christoph nicht. Die Rückkunft aus der Schattenwelt ist
Geschenk
genug.
Tage
später. Die Last
auf ihren Gliedern ist schwächer geworden, oder die Männer
haben sich
daran gewöhnt. Am Tagesablauf hat sich wenig geändert, aber
es liegt
ein neuer Ausdruck in den Gesichtern – Hoffnung. Jetzt, da der Abgrund
hinter ihnen liegt, haben sie ihren Mut wiedergefunden. Der Feind
mochte stark sein, aber gewiß nicht unbesiegbar. Niemand war
unbesiegbar ...
Sie sitzen beim Essen, als die Sirenen
aufheulen. Doch es ist nicht der Feind, noch nicht.
Eine Stadt treibt
vorbei, Tausende Meilen entfernt, aber nicht weit genug für die
Raubvogelaugen des Schiffes. Etwas ist ihr geschehen. Zerborsten die
Kuppel, die Wohntürme wie von der Faust eines Riesen
zerschmettert.
Reif bedeckt die Ruinenfelder, doch irgendwo in der Tiefe flackert es
rot. Ein einsames Totenfeuer, das langsam verglimmt.
...