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Die
Stadt am Meer
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Das »Café Renata«
befand sich nur ein paar Dutzend Schritte von seinem Domizil entfernt
in der Morgengasse. Wie die schmale, backsteingepflasterte Straße
mit den winzigen Geschäften und Restaurants tatsächlich
hieß, wußte Friedrich nicht. Es gab keine
Straßenschilder in der Stadt, ebensowenig wie Hausnummern. Er
hatte sie so benannt, weil sie nur am Morgen, wenn das Sonnenlicht in
einem bestimmten Winkel einfiel, die Aufmerksamkeit des Betrachters auf
sich zog. Dann leuchteten die bunt gestrichenen Türen und
Fensterrahmen in reizvollem Kontrast zum Weiß der Fassaden, die
Schaufensterscheiben blitzten, und selbst die braunen Pflastersteine
glänzten wie frisch gebohnert. Später am Tag verloren sich
das Licht und die Farben, die Häuserwände schienen näher
aneinander zu rücken, bis der schmale Durchgang schließlich
ganz im Schatten versank.
Die Signora schien bereits gewartet zu haben, denn kaum hatte Friedrich
an einem der winzigen runden Tische Platz genommen, zwängte sie
sich durch die schmale Küchentür, um ihren Stammgast zu
begrüßen. Wie stets war ihr üppiger Körper in ein
knöchellanges Monstrum von schwarzem Kleid gehüllt, auf dem
sich die zierliche weiße Servierschürze ebenso verlor wie
das Kaffeegeschirr in ihren großen starkknochigen Händen.
Der Wortschwall, der sich auf Friedrich entlud, während die
Signora den Tisch deckte, ähnelte unzähligen vorangegangenen,
erforderte jedoch keinerlei Reaktionen seinerseits. Er erfuhr einmal
mehr, daß er viel zu spät aufstand, daß im
Übermaß genossener Alkohol die Leber ruinierte und daß
die Frauen, mit denen er sich abgab, kein Umgang für einen
sensiblen Jungen wie ihn seien.
Das brachte ihn dann doch zum Lächeln, was ihm einen strafenden
Blick eintrug, gefolgt von einem geschickt verklausulierten Hinweis auf
demnächst fällige Verbindlichkeiten.
Friedrich war zwar überzeugt davon, daß die Anspielung nicht
wirklich ernstgemeint war – bei aller zur Schau getragenen Strenge
blieb die Signora eine überaus großzügige Person, die
ihm niemals ohne Not die Tür weisen würde – dennoch blieb er
nicht gern etwas schuldig. Schulden hatten die unangenehme Eigenschaft,
sich schneller als gedacht zu vermehren, bis sie einem irgendwann
über den Kopf wuchsen. Wie die Stadt in einem derartigen Fall
reagieren würde, entzog sich seinem Vorstellungsvermögen, und
er verspürte keinerlei Neigung, es darauf ankommen zu lassen ...
Im Falle der Signora war es zudem nicht allzu aufwendig, seinen
Verpflichtungen nachzukommen, da er ihre Vorlieben mittlerweile zu
kennen glaubte: So resolut und tatkräftig sie auch war, liebte sie
doch jene Gedichte und Balladen am meisten, die sich in düsteren
Visionen und Weltschmerz ergingen. Vielleicht hing diese Neigung damit
zusammen, daß es unter dem ewigblauen Himmel der Stadt so wenig
Anlaß zur Melancholie gab ...
Friedrich ließ die Signora geduldig ausreden, während sie
Schinken und Rührei auf seinen Teller füllte, nickte
gelegentlich zustimmend und setzte seine demütigste Miene auf.
Erst nachdem das Frühstück komplett serviert war, zog er mit
einer eher beiläufigen Geste eines der beiden Schriftstücke
aus der Brusttasche, glättete es sorgfältig und
überreichte es wortlos. Ohne auf die Dankesbezeugungen seiner
überraschten Gastgeberin einzugehen, griff er zu Messer und Gabel
und ließ es sich schmecken, während die Signora mit ihrer
Beute in die Küche entschwand. Sie war bei aller
Großzügigkeit zu sehr Geschäftsfrau, um eine neue
»Lieferung« nicht sofort nach Erhalt auf Herz und Nieren zu
prüfen.
Was das Ergebnis anbetraf, war Friedrich guter Dinge, obwohl er
deswegen eigentlich ein schlechtes Gewissen haben sollte.
Natürlich hatte er der Signora nicht verraten, daß die Verse
aus den Cantos stammten und in einem jener seltenen Momente klarer
Erinnerung entstanden waren, den er Ricos Tickets verdankte. Aber
Strophen wie diese würden seiner Wohltäterin zweifellos
gefallen:
Sie zogen schweigend und
ängstlich ins Licht
Und hielten
sich fest bei den Händen.
Die Köpfe
gesenkt und verhüllt das Gesicht
Als sollte die
Nacht niemals enden.
Friedrich sah die Bilder immer noch deutlich vor sich – verwackelte
Amateuraufnahmen, die den Zug überlebender Soldaten des 6.
Britischen Expeditionskorps zeigten. Nach achtmonatiger Gefangenschaft
in den Bergverliesen der Shariatstruppen waren sie im Austausch gegen
inhaftierte Fedayin freigekommen. Aber davon durfte die Signora
natürlich nichts erfahren ...
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